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Willkommen im Tempel der Musen!
Hesiod lässt sie in seinem Lehrgedicht „Theogonie“ die Töchter der Erinnerung (Mnemosyne) sein. Sie sind also diejenigen Göttinnen, die für das kulturelle Gedächtnis zuständig sind, und in diesem Sinne tatsächlich (fast) unsterblich, wenn auch in ständigem Wandel begriffen …

Hesiod von Askra
und die Ordnung der Welt

von Markus Riese

(Hinweis: Alle gezeigten Bilder stammen von Birgit Jürgenssen ­– Ausstellung Kunsthalle Tübingen 2018/19)

Der erste Europäer, der versucht hat die gesamte Welt in ihrer Ordnung zu systematisieren, war der Dichter Hesiod von Askra in Böotien (um 700 v.Chr.): in seiner Theogonie setzt er alle Götter, Wesen und Dinge der Welt untereinander in Beziehung; die Werke und Tage strukturieren die alltägliche Arbeit des Menschen.

Bei ihm sind die Musen Töchter des Zeus und der Mnemosyne, sie repräsentieren also einerseits die gesamte Weltordnung (Zeus ist „Vater der Götter und der Menschen“), andererseits das kulturelle Gedächtnis der Menschheit (Mnemosyne).

Als sich die Musen dem Dichter am Helikon offenbaren, weisen sie darauf hin, dass sie viel Trügerisches zu verkünden wissen, was dem Wahren gleicht, aber auch viel Wahres; Letzteres setzt aber (so Hesiod) den Willen der Musen zur (Selbst-)Offenbarung voraus.

Hesiods Dichterweihe verbürgt seinen Anspruch, die Grundordnung des Kosmos zu offenbaren. Und dieser Kosmos entsteht aus dem (selbst gewordenen) Nichtsein, das in seiner klaffenden Natur (Chaos) jedoch die Notwendigkeit allen Seins bereits in sich trägt. Als zweite tritt die „breitbrüstige“ Gaia (Erde) ins Sein; In der Figur der Gaia fallen also die Zeugungskraft der Erde und die der Frau zusammen.

Hesiod ist der erste in der Tradition unserer europäischen Geistesgeschichte, der von der Existenz einer Grundordnung der Dinge spricht, die durch einen Künstler mitteilbar und durch diese Vermittlung für die Menschen auch verstehbar werden kann. In dieser Grundordnung sind Mensch und Umwelt nicht getrennt, sondern ein und dasselbe.

Der Mensch tritt dem Kosmos nach dieser Tradition also nicht als ein Anderes gegenüber, sondern ist selbst Teil der kosmischen Ordnung. Die zentrale Funktion eines (in diesem Sinne) „wahren“ Kunstwerks wäre es demnach, diese (Selbst-)Erkenntnis des Menschen, bzw. eine eigentlich unmögliche Erfahrung zu ermöglichen, nämlich dass der Mensch sich innerhalb des Kosmos als dessen Teil erfährt.

Es überrascht nicht, dass das dritte, was nach Hesiod entsteht, der Eros ist, den H. Fränkel die „Triebkraft künftiger Zeugungen“ (Dichtung und Philosophie p.112) genannt hat. Dieser repräsentiert eine positive Zeugungskraft, die die kosmische Ordnung in ihrem Inneren zusammenhält.

Die Abwesenheit des Eros führt zu Gestaltlosigkeit und Auflösung: Ohne Eros bringt Gaia das gestaltlose, ja nach griechischer Erfahrung zerstörerische Meer hervor; Nyx, die Nacht, wird zur Mutter des Todes, des Schlafes und der Träume, des Momos (Tadel) und des Oizys (Leid) usw. Nyx, die Verderben Bringende, ist Mutter des körperlichen Verfalls (Geras), der Täuschung (Apate), des Streites (Eris), aber auch der Liebesvereinigung (Philotes).

Doch gleichzeitig lehrt uns Hesiod, dass das Helle und Lichte nur vor dem Hintergrund des Dunklen existieren kann: Aus der Verbindung von Nyx und Erebos entstehen (unter der Einwirkung des Eros) der Tag und das Himmelsstrahlen (Aither).